La Paz, mit vollem Namen Nuestra Señora de la Paz, liegt eingekesselt von den bolivianischen Anden auf 3’600 m. ü. M. Fälschlicherweise wird sie oft als Hauptstadt Boliviens genannt, ist aber „nur“ der Regierungssitz, dafür der höchstgelegene der Welt.
La Paz hat mir wortwörtlich den Atem geraubt. Zu beschreiben, wie sich La Paz anfühlt, scheint mir unmöglich. Der atemberaubende Blick auf dem Weg von El Alto (unser Zuhause auf 4’100) im Minibus oder in der Seilbahn runter in die Stadt. Das Ausmass der Stadt & der Illimani, der über sie wacht. Der Illimani ist quasi der Hausberg von La Paz, 6’438 m hoch, & egal wo man sich in der Stadt befindet, man kann sich sicher sein, man sieht ihn. „Pass auf, der Illimani kann dich sehen“ – sagt man gerne.
La Paz ist seit 2014 eine der sieben „New7Wonders Cities“, also eine der Weltwunderstädte der modernen Welt. Die Bezeichnung passt, weil die Stadt so viele Gegensätze vereint: Jahrhundertealte Strassen, in manchen liegen bis heute die alten Steinwege, und nur wenige Minuten weiter stehen hohe Gebäude & Einkaufszentren. Alt und neu existieren hier direkt nebeneinander. Hier, wo man sich dem Himmel so nahe fühlt, wo der Illimani einen stets überwacht & Essen an jeder Strassenecke zu finden ist. Wo die Höhe im Fussball strategisch genutzt wird & der Weltmeister Brasilien verlor.
Ich habe so viele Ideen & Bilder im Kopf, dass ich gar nicht weiss, wie ich das alles auf Papier bringen soll (& ja, ich schreibe tatsächlich noch mit Stift auf Papier). Aber ich versuche es mal.
Was mich an La Paz besonders beeindruckt, ist die Höhe. In der Schweiz sind wir es gewohnt, in die Berge zu fahren und dort für ein paar Stunden oder Tage auf 2’000, 3’000 oder noch mehr Metern zu sein. Wir verbinden Höhe mit Wandern, Skifahren, Bergluft und Ferien. Hier ist die Höhe kein Ausflug. Hier leben Menschen auf 3’600 Metern, in El Alto sogar auf über 4’100 Metern. Sie gehen zur Arbeit, bringen ihre Kinder zur Schule, kaufen auf dem Markt ein und treffen sich zum Essen – alles dort, wo mein Körper schon bei ganz alltäglichen Dingen plötzlich an seine Grenzen kommt.
Ein paar Treppenstufen oder ein etwas schnelleres Tempo reichen und ich merke, dass die Luft hier oben eine andere ist. Es ist faszinierend, wie sehr man die Höhe spürt, obwohl man eigentlich nichts Besonderes macht. Und gleichzeitig machen die Menschen hier genau das: Sie leben ihren ganz normalen Alltag – einfach ein paar tausend Meter näher am Himmel als wir.
Und wenn man nicht laufen möchte, nimmt man in La Paz die Seilbahn. Die Seilbahnen sind für mich eines der Dinge, die La Paz so besonders machen. Von oben sieht man erst richtig, wie riesig diese Stadt ist. Häuser ziehen sich die Hänge hinauf, Strassen schlängeln sich dazwischen hindurch und irgendwo im Hintergrund steht immer wieder der Illimani. Gleichzeitig ist es erstaunlich still. Unten hupt und lärmt der Verkehr, während man oben fast lautlos über die Stadt schwebt. Für ein paar Minuten ist man mitten in La Paz und trotzdem ganz weit weg.
Und das Schönste daran: Die Seilbahnen sind nicht einfach eine Touristenattraktion. Sie sind ganz normaler öffentlicher Verkehr. Es gibt acht Linien in acht verschiedenen Farben und eine Fahrt kostet gerade einmal 3 Bolivianos (ca. 30 Rappen). Damit kommt man schnell und unkompliziert fast überall hin. Gerade bei den Steigungen von La Paz ist das nicht nur praktisch, sondern eigentlich genial. Ich finde es faszinierend, dass eine Stadt, die sich an so steilen Hängen entlangzieht, einen Grossteil ihres öffentlichen Verkehrs einfach in die Luft verlegt hat.Dass beim Bau der Seilbahnen auch eine Schweizer Firma beteiligt war, finde ich dabei irgendwie besonders schön. Ein kleines Stück Schweiz schwebt also über La Paz.
Aber so schön und ruhig die Seilbahn ist, sie zeigt einem La Paz natürlich nicht so, wie man die Stadt auf der Strasse erlebt. Dafür gibt es die Minibusse. Und die sind für mich definitiv eines der Highlights. Das Prinzip ist eigentlich genial und gleichzeitig wirkt es am Anfang völlig chaotisch. Man wartet an der entsprechenden Strecke, gibt dem heranfahrenden Minibus ein Handzeichen und steigt ein – sofern noch Platz ist. Aussteigen kann man praktisch genau dort, wo man hinmöchte. Ein kurzer Ruf zum Fahrer reicht: „En la esquina, por favor“ – an der Ecke bitte.
Kurze Strecken kosten 2 Bolivianos, längere bis 5 (ca. 20-50 Rappen). Vorne sitzen neben der Fahrerin oder dem Fahrer noch zwei Personen, hinten finden je nach Bus ungefähr neun bis zwölf weitere Menschen Platz. Und dann geht es los. Die Fahrt hat überhaupt nichts mit der Seilbahn gemeinsam. Statt ruhig über der Stadt zu schweben, sitzt man mitten im Verkehr. Autos, andere Minibusse, Menschen, Hupen und enge Strassen – alles passiert direkt vor der Nase. Man ist nicht Beobachter dieser Stadt, sondern mittendrin.
Das einzige Problem: Man muss erst einmal verstehen, welcher der gefühlt tausend Minibusse eigentlich wohin fährt. Jede Nummer hat ihre eigene Route und für mich sehen am Anfang gefühlt alle gleich aus. Zum Glück habe ich hier meinen Local, der genau weiss, welchen Bus wir nehmen müssen, wo wir einsteigen und wann wir „En la esquina, por favor“ rufen müssen.
Vielleicht sind es genau diese drei Dinge, die für mich La Paz so besonders machen: die Höhe, die einen immer wieder daran erinnert, wie aussergewöhnlich dieser Ort ist, die Seilbahnen, mit denen man die Stadt plötzlich von oben erlebt, und die Minibusse, mit denen man mitten durch ihr tägliches Chaos fährt.


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